Jakobsweg: Rottenburg - Burladingen

Geh, seit deiner Geburt bist du auf dem Weg,

geh, eine Begegnung wartet auf dich.

Mit wem? Vielleicht mit dir selbst.

(Gelesen vor der St. Silvester Kirche in Jungingen)

Endlich war es wieder einmal soweit. Auf dem Plan stand PILGERN – wenn auch eigentlich die Tour Esslingen – Tübingen. Doch durch die Freiheit mit mir allein zu pilgern, habe ich die bereits bekannte Route gegen eine neu unentdeckte Route eingetauscht.

 

Samstag ging es Punkt 09:00 Uhr in Rottenburg am Marktplatz los – bei Nieselregen. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Also Kapuze übers Basecap, Wetterjacke an und los. Der Vorteil an Regen ist ja, dass es die Natur dankt. So kam ich an wunderschönen Wiesenblumen vorbei, wanderte über Obsthaine und durch Wälder voll saftigen Grüns. Gut es gibt auch den ein oder anderen Nachteil. Waldwege sind schlammig, hoch bewachsene Wiesen patsch nass und naja durch meine langer Verweigerung meinen Schirm zu nutzen, war ich sowie der Inhalt meines Rucksacks innerhalb einer Stunde komplett durchweicht.

 

Doch genau dies sind die Momente des Caminos! Fragen beschäftigten mich:

  • Warum gehe ich weiter und fahre nicht wieder heim?
  • Wem muss ich etwas beweisen?
  • Muss ich jemandem etwas beweisen?
  • Was wäre, wenn ich heim führe?
  • Was kann ich tun um meine Lage zu verbessern?
  • Wo kann ich mich aufwärmen und trocknen?
  • Wie sieht es aus, wenn ich ohne patschnasse Hose weiterlaufe?
  • Wann scheint wieder die Sonne?
  • Was ist mit meiner gebuchten Unterkunft, wenn ich den Weg abbreche?
  • Fahre ich an mein heutiges Tagesziel?
  • Was mache ich, wenn es morgen auch wieder regnet? Usw.

Viele dieser Fragen hätte ich mir bei strahlendem Sonnenschein sicherlich nicht gestellt. Und das ist es, was den Camino ausmacht. Die Beschäftigung mit uns selbst!

 

Ich entschied mit fürs Weiterlaufen (mit Hose) und beschloss am Sonntagmorgen zu entscheiden, je nach Wetter, ob ich weitergehe oder in den Zug steige.

 

Die Etappe überzeugte mich einfach mit ihrer natürlichen Schönheit und Abwechslung. Mir begegneten sogar Fuchs und Reh.

 

Die nächste herzliche Begegnung hatte ich in Hechingen auf Orientierung-Karten-Schau. Ein Mitglied der Hohenzollerischen Jakobusgesellschaft sprach mich an und fuhr mich kurzerhand die letzten Meter (bei nachwievor strömenden Regen) nach St. Luzen – meiner „Herberge“.

 

Da all meine Kleidung nass war und auch meine Wanderschuh bei jedem Schritt ein Patschgeräusch von sich gaben, deckte ich mich in Hechingen mit dem Nötigsten ein und verteilte sämtliches Hab und Gut in meinem Zimmer zum Trocknen. Auf Erkundungstour durch den Ort fand ich mich schnell an der Stelle wieder, wo ich ins Auto gestiegen war und freute mich, die Meter des Weges (inzwischen bei Sonnenschein) doch noch zu gehen.

 

Nach einer entspannten Nacht, wachte ich – ganz Pilgerlike – 06:00 Uhr auf. Doch Frühstück war noch nicht. So scharrte ich im Bett innerlich mit den Hufen, war die erste im Frühstückssaal und brach kurz nach halb 9 wieder auf – bei Nieselregen. Nach den ersten Schritten erinnerte ich mich an mein Vorhaben des Vortages – bei Regen fahre ich heim – und fragte  mich, welches Wetter mich wohl wirklich vom Loslaufen hätte abhalten können ;-)

 

Die ersten Kilometer parallel zu den Bahnschienen, wenn auch über den Feldweg waren lang. So lang, dass ich bereits anfing mit Life Kinetik Fingerübungen. Endlich wieder etwas Abwechslung auf dem Weg verfehlte ich prompt eine Abbiegung und machte, zum Glück unterstützt durch GoogleMaps, einen Ausflug in den Wald. An der ersten Kreuzung ohne Muschel sank meine Stimmung weiter. Als ich endlich wieder auf Kurs war, ging der erste Platzregen des Tages runter.

 

Die Kirche von Jungingen hellte meine Laune etwas auf, denn es gab wieder einen Stempel in meine Credencial – schon der dritte an diesem Wochenende! Auf den weiteren Kilometern bis Killer passierte nicht viel und in Killer verlief ich mich zum zweiten Mal. In Killer hatte ich die Wahl: steil bergauf nach Ringingen oder auf dem kürzeren Weg über Starzel direkt nach Burladingen. In Anbetracht meiner Laune fiel die Entscheidung leicht und ich bog Richtung Starzel ab. Kurz darauf der nächste Platzregen und wieder waren die Muscheln weg.

 

Am nächsten Bahnhof endete meine Tour für diesen Tag. Diese Etappe hatte eine neue Chance verdient und ich eine warme Dusche!

 

Seien Sie dabei, wenn ich diese Etappe in meinem offiziellen Programm erneut gehe - es ist eine tolle Möglichkeit innenzuhalten und auf die eigenen Bedürfnisse zu lauschen!

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