Jakobsweg: Rottenburg - Loßburg

Nachdem ich bei der 1. Etappe gelernt habe, dass 62 km an zwei Tagen bei ungleicher Verteilung ein hehres Ziel sind, beschließe ich die 2. Tour auf den Weg von Rottenburg bis Loßburg zu verkürzen. Dies sind dann 55 km - 29 km 1. Tag und 26 km 2. Tag. Aus logistischen Gründen nutze ich meine Flexibilität und starte in Bondorf. Dort kann ich mein Auto gut parken und komme auch mit dem Zug wieder gut hin für den Heimweg.

Ich wandere also von Bondorf nach Seebronn, wo ich auf den Jakobsweg stoßen werde. Trotz, dass ich die Ecke gut kenne, da ich hier gewohnt und gerabeitet habe, muss ich ständig schauen, noch auf dem richtigen Feldweg zu sein. Umso größer ist die Freude, als ich die erste Muschel erspähe. Doch das Zeichen ist anders, als ich es kenne. Es ist eine gelbe Muschel auf weißem Untergrund. Und hier liegt auch der Fehler im System, denn die gelbe Muschel ist auf den folgenden Schildern so ausgeblichen, dass sie schier unsichtbar ist. Am Tag zuvor fragte mich noch ein Kollege, warum ich meine Tourvorbereitung für die Strecke von Porto nach Santiago nicht auf irgendeinem Weg  mache. Es gibt in der Tat viele tolle Wanderstrecken in der Umgebung, doch ich antworte: "Weil der Jakobsweg so gut ausgeschildert ist und man fast keine Karte benötigt". An diesem Samstag morgen wird mir bewusst, wie wahr diese Aussage ist. Ständig muss ich mein Handy zu meiner Ortung bemühen und mit meiner Reiseführerkarte vergleichen. Das macht keinen Spaß, wo ich es doch gewohnt war mich von Muschel zu Muschel treiben zu lassen und immer wieder eine neue zu entdecken. Das erfordert zwar ständige Aufmerksamkeit, verhindert allerdings auch, dass ich in einen Trott verfalle, Blick zum Boden und unproduktive Gedanken wälze.

Als nach ca. 10 Kilometern die erste gelbe Muschel auf blauem Untergrund auftaucht und der Weg nicht mehr parallel zur Autobahn verläuft, hellt sich meine Stimmung auf. Nun kommen mir auch wieder kreative Gedanken, die ich gewohnt bin, beim Wandern zu haben. An dieser Stelle wird mir auch der Unterschied zu einem gut ausgeschilderten Wanderweg bewusst: es ist das grafische Zeichen. Ich muss nicht lesen um zu erkennen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, sondern der Teil in meinem Gehirn, der für die Verarbeitung von Bildern zuständig ist, erkennt das Symbol und signalisiert: Alles gut, weiter geht's. So kann der Rest im "Task negativ Modus" verharren und kreativ sein.

All diese Erkenntnisse habe ich allerdings erst am zweiten Tag. Auf dem Weg nach Horb, hier übernachte ich, merke ich nur, dass etwas nicht stimmt und kann relativ deutlich ausmachen, wo die Wende liegt. Die Gedanken zur Ursache fließen erst am Sonntag, denn heute geht es bei Sonnenschein gleich morgens kurz nach 08:00 Uhr vor der Hoteltür mit blauen Schildern los. Der Weg birgt Überraschungen hinter jeder Biegung: Wald, Feld, Wiesen, Dörfer, bergan und bergab und alles begleitet von einer sichtbaren Muschel, manchmal sogar von zwei.

 

Fazit dieser Tour:

  • Meine Ausrüstung  passt. Ich bin gerüstet für die Tour nach Santiago.
  • Nach einer Strecke unter 30 km am Tag bin ich noch in der Lage mir ein Abendessen zu besorgen.
  • Was ich in 2 Tagen erlaufe, fährt mich der Zug in 45 Minuten zurück. Wie schnell doch die heutige Welt ist. Ich bekomme eine Vorstellung wie es zur Zeit der Pferdekutschen gewesen sein muss.
  • Der Jakobsweg ist für mich ein Weg der Zeichen!

Ich freue mich auf die nächste Etappe!

 

Seien Sie dabei, wenn ich diese Etappe in meinem offiziellen Programm erneut gehe - es ist eine tolle Möglichkeit innenzuhalten und auf die eigenen Bedürfnisse zu lauschen!

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