Ist Pilgern gleich Pilgern…

... und was macht Pilgern für mich aus? Diese Frage beschäftigt mich gerade intensiv, da ein Bekannter heute auf die letzten Kilometer nach Santiago aufgebrochen ist. Wir haben uns einige Male über die Reise unterhalten. Er kennt meine Art, wie ich im letzten Jahr von Porto nach Santiago gepilgert bin und ich kenne seine. UND ich akzeptiere sie! Warum schreibe ich das? Im Folgenden stelle ich seine und meine Art einmal gegenüber und bin während des Schreibens gespannt, was ich daraus über mich lernen werde.

 

Nun lüfte ich erst einmal das Geheimnis: Er macht eine geführte Pilgerreise. So, nun ist es raus… Diese Reise zeichnet sich durch folgende Kriterien aus:

  • Fachkundige, deutschsprachige Reiseleitung
  • Team, das führt, begleitet und umsorgt
  • Gepäcktransport
  • Übernachtung im Hotel
  • Halbpension + schmackhaftes Picknick
  • Rat und Tat bei Problemen mit Füßen oder Gesundheit
  • Fahrdienst
  • Stadtrundgang mit lokalem Führer in Santiago
  • Wandern in der Gruppe
  • Flugbuchung, Zugtransfer, weitere Transfers im komfortablen Reisebus mit Klimaanlage
  • Infopaket mit allgemeinen Informationen zur Reise, Wanderführer, Stadt- und Lageplänen

Wow, das ist wirklich ein Deluxe-Urlaub, doch meinen Vorstellungen vom Pilgern entspricht dies nicht, im Gegenteil. Schauen wir uns die einzelnen Punkte einmal an:

 

An- und Abreiseorganisation:

Vorfreude pur und schon der erste Austausch mit Gleichgesinnten! Oh, das möchte ich gleich mit euch teilen: Ich war vor meiner Pilgerreise einige Tage in Lissabon und habe dort schon die ersten gelben Pfeile gesehen und einen QR-Code mit deutscher Beschriftung. Dieser leitete mich zur Facebook Gruppe „Jakobsweg - Caminho Português“ geführt von Anne Chantal. Ein kleiner Post und schon war ich mit Anne in Kontakt und hatte innerhalb kürzester Zeit die perfekten Infos zu meinen Weiterreiseoptionen über Fatima nach Porto. Schon bevor mein „offizieller“ Weg begann spürte ich den Spirit der Camin(h)o Gemeinschaft. Das war einfach fantastisch. Anne, wenn du das liest: DANKE!!!!!!

 

Reiseleiter und Team, Infopaket:

Für mich steht der Camino für Entdecken, über meinen Schatten springen und meine Fremdsprachenkenntnisse anwenden, mich freuen, wenn ich verstehe und verstanden werde, wenn ich für mich etwas erreicht habe. Und ebenso schön ist der Austausch mit anderen Pilgern über deren Erfahrungen, Erwartungen, gemeinsames Spekulieren, wie wohl die nächste Etappe, die nächste Herberge ist. Ach und die Überraschung über den Streckenverlauf erst. Nicht zu wissen, was mich erwartet. Abenteuer pur…!

 

Gepäcktransport:

Das Leben aus dem Rucksack, das Beschränken auf das Nötigste, der wahnsinnig tolle Geruch von frisch gewaschener Wäsche aus der Waschmaschine, das wieder daheim aus dem vollen Kleiderschrank schöpfen können, das bewusste Entscheiden für die gerade richtige Menge Essen und Trinken – in Balance zwischen Gewicht auf dem Rücken und Notwendigkeit um weiterzulaufen, all diese Dinge haben mich so viel Dankbarkeit und Fokussierung gelehrt, dass ich sie nicht missen möchte.

 

Gruppe:

Gehe ich jetzt allein oder habe ich Lust auf Gesellschaft, auf Konversation. Diese bewusste Entscheidung und das Einstehen für meine Wünsche hat mich der Camino gelehrt. Gerade habe ich  mich mit dem Thema „Innere Antreiber“ beschäftigt und merke, dass der „Ich muss es allen Recht machen“ auf dem Camino hauptsächlich mich selbst mit „alle“ meint. Und damit war ich nicht allein. Ich habe viele tolle Gespräche geführt, doch auch die Zeit für meine Gedanken genossen und eben diese Wünsche meiner Mitpilger auch widerspruchslos akzeptieren gelernt. Um mich hatte sich eine kleine internationale Gruppe gebildet. Jeder ging sein Tempo, manchmal trafen wir uns unterwegs und wenn nicht, war die Freude des Wiedersehens am Abend um so größen!

 

Übernachtung im Hotel:

Ja das Schnarchen der Mitpilger, Gemeinschaftsbäder und –küchen, Schlafsack, recht klare Schlaf- und Aufwachzeiten kann man mögen, doch ich verstehe auch alle, die sich nach einem anstrengenden Tag etwas Luxus gönnen. Ich habe immer in Herbergen übernachtet, das auch gewollt, dennoch habe ich mich auf mein vorgebuchtes Einzelzimmer in Santiago gefreut. So lange, bis ich allein darin saß. Wie sehr hatte ich mich an die Gemeinschaft, die Vielfalt, den Austausch mit den anderen Pilgern gewöhnt. Ich hatte mich für das Alleinsein entschieden und fand es schrecklich. Ich war am Ende nur zum Schlafen und Duschen im Zimmer, sonst unterwegs um die Kathedrale herum, wo sooo viele Gleichgesinnte und liebgewordene Bekannte waren.

 

Rat und Tat bei Problemen mit Füßen oder Gesundheit:

Haha, noch nie habe ich Menschen aus verschiedensten Nationen so viel über Füße reden gehört, geschweige denn die eigenen oder fremde, nackte Füße betrachten gesehen. Gegenseitiges Verarzten, Austauschen über die besten Mittel gegen Blasen, die richtigen Socken, Schuhe und und und… Da war die Welt auf einmal ganz klein, denn das Thema betraf uns alle ;-)

 

Fahrdienst:

Oh wie verlockend der doch manchmal gewesen wäre… Es wäre geschwindelt, wenn ich sagen würde, dass ich nie mit Trampen oder dem Bus geliebäugelt hätte. Dennoch war ich immer umso stolzer, wenn ich es geschafft hatte, zwar total am Ende meiner Kräfte, doch aus eigener Kraft und durch gemeinsame Motivation auf meinen Füßen (einmal auch in Flipflops, nach einer Fußerfrischung im Fluss) am Tagesziel angekommen zu sein.

 

Halbpension + schmackhaftes Picknick:

Pilgern ohne Pilgermenü, ohne die freie Wahl, wo es am Abend hin geht, ohne die Entdeckungstouren in Markthallen und fremden Supermärkten – für mich keine Option und eine Einschränkung meiner Freiheit.

 

Ich ging auf den Camino zum Nachdenken, um kreative Ideen zu haben, mein Leben zu planen… Ich kam zurück mit der Erkenntnis, dass genau 4 Dinge wichtig sind:

 

1.       Was esse ich heute und wo bekomme ich es her?

2.       Wo schlafe ich heute?

3.       Mit wem bin ich gern zusammen und wann brauche ich meinen Freiraum?

4.       Wie geht es mir, was kann ich mir heute gepäck- und streckenmäßig zumuten?

 

Ach jetzt könnt ich schon wieder los…

 

Wie seht ihr das? Hinterlasst mir gern einen Kommentar oder eine Ergänzung z.B. zu einem religiösen Hintergrund. Vielleicht habt ihr auch die Pilger-Deluxe-Variante selbst schon einmal mitgemacht und habt Lust von deren nicht ganz so offensichtlichen Vorzügen zu berichten?!

(Pilger untereinander duzen sich *g*)

 

Ich würde mich freuen!

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Kommentare: 5
  • #1

    Christiane Korte (Montag, 27 Juni 2016 21:06)

    Hallo, ich bin 2013 den CF allein gegangen - was heißt allein ;-)
    Habe eigentlich erst auf dem Weg durch eine Pilgerin erfahren das es Gruppenreisen für Pilger mit allem drum u dran gibt. Sie hatte sich aber für einen halben Tag abgesetzt um eine Strecke allein zu gehen....
    Da wusste ich das dass nichts für mich wäre. Meine erste Woche war ich mit drei Holländern unterwegs. D. h. tagsüber bin ich allein gegangen und am abend haben wir uns in der Herberge wieder getroffen. In den folgenden Wochen waren es immer wieder verschiedene Menschen mit denen ich zusammen gegangen bin und viele Tage an denen ich komplett allein war und es auch wollte. Und genau das ist es was es ausmacht - die Freiheit allein zu sein oder unter vielen. Die wundervollen Gespräche, lustig, manchmal auch traurig, aber immer sehr offen und ehrlich möchte ich nicht missen. Religion ist für mich unwichtig, aber die Gespräche darüber mit anderen Pilgern waren interessant. Es ist nicht wichtig für den Weg ob du glaubst oder nicht glaubst - solange du an dich glaubst. Ich freu mich auf meinen nächsten Camino und die Menschen die mir dann begegnen. Buen Camino

  • #2

    Susi Bayer (Montag, 27 Juni 2016 21:28)

    Vielen Dank liebe Christiane für deine Eindrücke und Erinnerungen!

    Die Offenheit aller hat mich auch enorm beeindruckt. Jeder hat über seine Beweggründe gesprochen und wie du schreibst, die einen gingen aus Freude, die anderen um ihr Leben neu zu strukturieren oder aus Trauer um einen lieben Menschen.

    Ich wünsche dir für deine nächsten Pilger-Touren auch Buen Camino!

  • #3

    Wolfgang Friesch (Mittwoch, 13 Juli 2016 17:16)

    Hallo,
    ich bin auf dem Camino Frances letztes Jahr vom 21. April bis 21. Mai gepilgert, ebenfalls allein!
    Angefangen zu planen habe ich schon ab Jan 2014, als ich im TV den Zweiteiler " Die Pilgerin" mit anschließender Doku über den Jakobsweg, gesehen habe. Da hab ich meine Bücher und Bildbände über den Jakobsweg hervor geholt und habe angefangen zu träumen. Immer schon wollte ich den CF gehen, so in der Rente dachte ich. Aber meine Frau ermunterte mich, es doch jetzt schon zu tun. Ich muss dazu sagen, dass meine Frau leider sehr krank ist und es für mich eigentlich unmöglich schien, sie Wochen lang allein zu lassen. Aber wir haben zwei tolle KInder, die zwar ihren alten Herrn für verrückt hielten, aber die mir versprachen, nach ihrer Muter zu schauen. Auch Freunde wurden hinzu gezogen und jeder bot uns Hilfe an. Im Geschäft noch terminlich abgeklärt und kurz dauf stand der ungefähre Termin fest.
    Und jetz ging es los, so wie du es beschreibst:
    Planen der Anreise, Etappenplanung, Ausrüstung zusammen stellen, Wanderführer wälzen, sich in verschiedenen Foren anmleden, um Infos auf zu saugen. Dort hatte ich auch das Glück zu erfahren, dass ganz in meiner Nähe ein Pilgerstammtisch bald statt finden würde. Natürlich war ich dabei und konnte so schon einiges in Erfahrung bringen. Kurz eingeflochten: Selbst heute hab ich noch mit einer Person reglmäßig E Mail Kontakt, obwohl wir uns an diesem Abend nur flüchtig kennen gelernt haben!
    Insgesamt muss ich sagen, diese 1 1/4 Jahre flogen wie nichts dahin. Und diese Planungen, diese Vorbereitungen, gehören für mich heute auf alle Fälle zu meinem Jakobsweg dazu. Es war eine tolle Zeit und über jedes Teil, dass man erstanden hat, über die Tickets der Bahn, die man 3 Monate vorher endlich buchen konnte, man freute sich, wie ein Kind!
    Natürlich war es aufregend in SJPDP zu sein, allein, auf sich gestellt, ohne französisch, spanisch Kenntnisse, gebrochenem Schulenglisch, aber das war ja das Schöne! Die ersten Bekanntschaften zu machen, über die Motive für die Pilgerreise zu sprechen, die erste Nacht in einer Herberge. Es brachen viele Sachen über einen herein, aber lauter schöne!
    Bei mir war es so, dass ich am Anfang, immer nur auf die Kilometer schaute, wieviel ich am Tag geschafft hatte. Erst nach ca. 10 Tagen stellte sich so das Genießen ein. Etappenplanung? Schön und gut, zu Hause! Aber hier? Es kommt so wie es kommt!Manchmal trifft man jemand und man denkt, dann bleib ich halt hier oder, ok, dann lauf ich halt noch ein Stück. Man lernt, sich auf das Schöne zu konzentrieren. Ist dass, das Kilometer runter reißen? Ganz sicher nicht! Warum nicht mal in einer Kirche 1 Stunde verweilen, warum nicht mittags 1 Stunde Pause zu machen und auch mal ein kleines Gläschen Wein schon am Tag? War es am Anfang immer die Angst, bekomme ich noch ein Bett, war es nachher so: Irgend wo wird man schon was finden! Und es klappte immer. Einmal war wirklich alles voll und nur weil ich zu stolz war und nicht ca. 1 km zurück laufen wollte, mußte ich noch ca. 10 km weiter pilgern. An diesem Tag waren es dan 43km. Ok, selber schuld. das sollte mir nicht mehr passieren. Aber was solls? in der Herberge, in der ich unterkam, war es urgemütlich, abends gab es noch eine Weinprobe im Haus eigenen Weinkeller. Ein toller Abend! Alles war gut. Und so erlebte ich den Camino immer wieder!
    Und natürlich die vielen, vielen Bekanntschaften, Freundschaften, die man erleben durfte und die zum teil bis heute halten. Das Miteinander, das war für mich das Größte auf dem Jakobsweg! In meinem Beisein kam es nie zu Streitereien, oder Auseinandersetzungen. Nein, man half wo man konnte, man wurde zu einer Familie, DER CAMINO FAMILIE!

    Es geht gleich weiter!

  • #4

    Wolfgang Friesch (Mittwoch, 13 Juli 2016 17:17)

    Natürlich ist und war es das Ziel in Santiago anzukommen, aber ist das das Wichtigste? Eine Bekannte von mir hat ihren Jakobsweg in Saria beendet. Sie schreib mir, ich solle nicht böse sein, aber für sie wäre hier Schluß. Sie war glücklich, sie hatte keine Blesuren, aber sie hatte IHR Ziel erreicht. Und das war gut so. Jeder soll den Camino so machen, wie es für ihn das Beste ist. Ich hatte auch vor noch nach Finesterre zu pilgern, aber ich merkte, das mein Jakaobsweg in Santiago zu Ende war. Nach der tollen Ankunft und einer unvergesslichen Nacht, war ich plötzlich wieder Tourist, nicht mehr Pilger! ich war angekommen. Ich bin mit dem Bus nach Finesterre gefahren, aber es hat mir nichts gegeben. Andere waren ganz aus dem Häuschen dort, aber für mich war das halt ein Ausflug!
    Ich kann jedem nur empfehlen, diese tollen Erfahrungen, die wir Pilger machen durften, selber zu machen. Es ist etwas einmaliges! Und man kann es eigentlich nicht in Worte fassen, man muß es selbst erleben. Obwohl mein Freundes- und Bekanntenkreis meiner Pilgerreise positiv gegenüber standen, mußte ich im letzten Jahr doch immer wieder erfahren, dass immer öfters der Einwurf kam: Ja, is ja gut, aber dein Jakobsweg ist doch jetzt vorbei. Diese Leute haben es nicht verstanden, aber ich bin ihnen nicht böse, denn sie können es nicht nach empfinden:
    Der Jakobsweg wird für mich nie vorbei sein! Der Jakobsweg ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil von ihm!

    Tut mir leid, dass es jetzt doch etwas viel wurde, aber wenn man so am schreiben ist......

    Viele liebe Grüße
    Pilger Wolle

  • #5

    Susi Bayer (Mittwoch, 13 Juli 2016 20:19)

    Pilger Wolle vielen Dank für deine schönen Worte! Beim Lesen war ich auch sofort wieder auf dem Camino, denn du hast vollkommen recht, der Jakobsweg ist nie vorbei und ist man ihn einmal gegangen, wird er zu einem Teil seiner Selbst.

    Sehr passend ist auch der Vergleich mit der Familie. So unterschiedlich alle Pilger auch sind, so sehr wächst man über die Zeit zusammen, dass jedes Wiedersehen ein Fest ist.

    "Man lernt, sich auf das Schöne zu konzentrieren." ist mein Highlight deines großartigen Berichts. Diesen Fokus möchte ich gern sooooo vielen Menschen ermöglichen, denn dann ist das Leben uns immer wohl gesonnen, denn etwas Schönes gibt es immer, wenn man es nur bereit ist zu sehen!

    Pilger Wolle, herzlichen Dank :-)