Caminho Portugues da Costa - 600 km Pilgerjubiläum

Das ist der perfekte Zeitpunkt um einmal Revue passieren zu lassen, was mich der Camin(h)o/ Jakobsweg gelehrt hat und warum ich ihn immer weiter gehen werden.

 

Lies hier meine Geschichte und lass dich inspirieren.

 

Pilger wird man nicht von allein

 

Bevor ich mit meinen Erkenntnissen beginne, möchte ich dir berichten, was mich überhaupt zum Pilgern gebracht hat. Das waren viele verschiedene Faktoren. In der Marketingwelt spricht man von 7 Kontakten, bis der Kunde kauft. Womöglich war es bei mir und dem Jakobsweg ähnlich ;-)

 

In meiner Jugend begann ich die Bücher von Paulo Coelho zu lesen. Er ist den Weg vor vielen Jahren gegangen. Sein Buch Auf dem Jakobsweg* hat mich schon damals fasziniert. Gefolgt wurde diese Lektüre natürlich von Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg*. Das war 2005.

 

Nun vergingen viele Jahre bis ich während meiner NLP Practitioner Ausbildung eine liebe Freundin kennenlernte. Sie war bereits verschiedene Wege gepilgert und berichtete mir von den Reisen und von ihren Plänen. Im Jahr 2014 nahm ich an einem Workshop in Nordportugal teil, bei welchem wir am Pausentag eine Etappe auf dem Caminho Portugues Central pilgerten. Bis dahin hatte ich „nur“ vom Jakobsweg gelesen oder gehört, doch einmal selbst die Erfahrung gemacht, war es um mich geschehen. Recht zeitnah nach dieser Reise buchte ich meinen Flug für das kommende Jahr und begann mit der Vorbereitung für meinen Caminho im Mai 2015. Ich "übte" auf den Jakobswegen in Baden-Württemberg und Sachsen und erkannte die Schönheit meiner Heimat neu.

 

Beim Pilgern zur Berufung finden

 

Während dieser einen Etappe in Portugal erkannte ich, dass dies meine Berufung ist. Beim Wandern und besonders beim Wandern auf dem Jakobsweg kann ich klare Gedanken und Ziele fassen. Ich habe Zugang zu meiner Kreativität und fühle mich noch dazu rund um wohl und frei. Dieses Gefühl möchte ich als Coach weitergeben und für die Gestaltung neuer Lebenswege meiner Coachees nutzen. Für diejenigen, die nicht gleich auf eine Tour über mehrere hundert Kilometer gehen möchten oder können, entstanden die Pilgertouren in Baden-Württemberg. Und für diejenigen, die innerhalb von zwei Wochen in Santiago ankommen wollen, werde ich auch im nächsten Jahr wieder eine Coaching & Pilgern Tour in Portugal anbieten. Ende des Werbeblocks ;-)

 

Was also hat mich der Weg gelehrt?

 

1. Gehen entspannt den Geist

 

Das kennst du sicherlich auch. Du gehst eine Zeit lang spazieren oder wandern und schon kommen dir kreative Ideen für Herausforderungen, an die du vielleicht gerade gar nicht gedacht hast. Mir geht das häufig so und auch wenn ich über etwas nachdenke, dann ist die Lösung auf einmal ganz klar. Außerdem fällt sämtliche Anspannung schon nach wenigen Schritte von mir ab. Dann gilt es nämlich die Beine zu koordinieren und das Gewicht des Rucksacks auf dem Rücken möglichst komfortabel zu transportieren. Meine Zunge, die in Anspannung immer an den Gaumen gesaugt ist, liegt nun ganz locker im Mund.

 

2. Ankommen macht unheimlich stolz

 

Für Gewöhnlich definiere ich mir beim Loslaufen ein Ziel und manchmal noch eines, wenn es bis zum ersten gut ging. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie stolz es mich macht, wenn ich die Kilometeranzahl bewältigt habe und vielleicht sogar noch das weitere Ziel schaffe. Dann ist es egal, wie verschwitzt ich bin, was alles weh tut oder wie spät es ist. Nach einer kurzen Pause, Duschen, Essen und spätestens nach dem Schlafen ist alles wieder gut. Auch das häufig gepriesene Ziel Feiern kommt beim Pilgern ganz groß raus. Am Abend ein Pilgermenü oder ein Gläschen Wein in gemütlicher Runde, ist eine so große Belohnung, die ich im Alltag überhaupt nicht wahrnehme.

 

3. Die Welt langsam zu erkunden, ist so wertvoll

 

Ich liebe es durch die Landschaften zu laufen, Schmetterlinge zu sehen, Vorgärten zu bewundern oder mich auch immer wieder zu fragen, welche Menschen wohl in den Häusern leben. Manchmal ist selbst das Wandern noch zu schnell, doch dann ist es ein Leichtes einfach stehen zu bleiben und zu schauen. Zusätzlich komme ich beim Pilgern in Orte und Regionen, die ich als Tourist niemals bereisen würde. Es ergeben sich Entdeckungen der ganz besonderen und exklusiven Art. Auch die Heimat einmal nicht auf den gewohnten Wegen zu begehen oder gar zu fahren, ist ein Erlebnis wert. Gehe mit den Augen eines Pilgers und du entdeckst die Muschelzeichen an Orten, an denen du schon zich mal warst, doch sie nie gesehen hast. Du wirst überrascht sein, wo der Jakobsweg überall markiert ist.

 

4. Großartige Begegnungen mit Gleichgesinnten

 

Es ist für mich immer wieder eine riesige Freude, wenn ich einen anderen Wanderer mit einer Muschel am Rucksack auf dem Weg treffe und natürlich, wenn sich am Abend alles gemeinsam in den Pilgerherbergen einfindet. Faszinierend ist, dass es auch selten Sprachbarrieren gibt, denn irgendwie klappt die Verständigung immer. Dann gibt es wundervolle Geschichten und Beweggründe für die Pilgerreisen zu erkunden. Weiterhin begeistert mich der unausgesprochene Kodex, dass jeder, der mag auch allein laufen kann. Selbst, wenn man den spaßigsten Abend gemeinsam hatte, so kann am nächsten Tag jeder unabhängig seiner Wege gehen und die Freude bei einem Wiedersehen am nächsten Ziel ist umso größer. Wenn nur im alltäglichen Leben jeder seinen Bedürfnissen folgen würde und alle anderen diese auch respektieren könnten. Ich bin überzeugt, es gäbe viel weniger Streit und Ärger würde jeder für sich sorgen und dies klar kommunizieren.

 

5. Vertrauen in den Weg

 

Folge der Muschel und du wirst am Ziel ankommen. Siehst du keine Muschel, gehe gerade aus. Diese Regel ist so wundervoll einfach und wenn es einmal nicht klappt, dann gibt es viele liebe Menschen, die einem den Weg weisen können. Selbst abseits des Caminhos vertraue ich inzwischen auf diese Regel.

 

6. Vertrauen in meine Fähigkeiten

 

Meine Pilgerkarriere habe ich mit Testtouren begonnen. Ich habe ausprobiert, wie weit – im wahrsten Sinne des Wortes – ich gehen kann. Eine Tour über 38 km war zu lang. Eine Tour über 35 km war lang, aber ok. Nach 18 km fehlt mir etwas. So kann ich jetzt für mich einschätzen, wie lang ich meine Tagestouren plane.

 

Sollte es einmal gar nicht mehr weiter gehen, dann habe ich immer noch die Möglichkeit um Hilfe zu bitten. Ich könnte vorbei fahrende Autofahrer bitten, mich mitzunehmen, ich könnte den Bus nehmen oder mir eine andere Unterkunft suchen.

 

Ein spannendes Erlebnis hatte ich auf einer Tour in Baden-Württemberg. Ich war mit 1 Liter Wasser ausgestattet gestartet, doch es war sehr warm und es kam keine Möglichkeit weiteres Wasser zu kaufen. Wie heißt es so schön, Not macht erfinderisch. Ich lief durch eine Wohnsiedlung und hörte auf einmal alle Wassersprinkler in den Gärten und überlegte bereits, wie ich die Bewohner ansprechen könnte um meine Wasserflaschen aufzufüllen. Dann kam ich an einer Garage vorbei, wo gerade ein Herr seine Abwasserrinnen mit einem Gartenschlauch reinigte. Da hielt mich nichts mehr zurück. Ich sprach ihn an und er war gern bereit meine Wasserflaschen wieder aufzufüllen. Mit wertschätzender Kommunikation ist einfach so vieles möglich.

 

7. Bewegung tut mir wahnsinnig gut

 

Ich sitze sehr viel am PC, daher ist eine Pilgerreise Balsam für meinen Körper. Klar ist jeder Tag anstrengend, doch sind wir Menschen ja bekanntlich nicht zum Sitzen gemacht. Es dauert immer einige Tage bis ich „eingelaufen“ bin, doch dann ist ein Tag ohne Laufen, ein Tag, an dem etwas fehlt. Es fällt mir außerdem sehr schwer, still zu sitzen und einfach nur zu sein. Nach einem Pilgertag ist dies so herrlich. Ich komme ausgepowert an und auf einmal geht, was vorher nicht ging. Ich sitze, schaue und bin einfach.

 

8. Reduktion auf das Wesentliche

 

Wie häufig bin ich schon aus dem Urlaub wiedergekommen, habe meine Tasche ausgepackt und festgestellt, dass ich wieder viel zu viel mitgenommen habe, Sachen, die ich gar nicht brauchte. Das kennst du sicherlich auch.

 

Beim Packen für eine Pilgertour denke ich ganz genau darüber nach, was ich mitnehme, was ich mir gönne und was ich nicht brauche. Unterwegs ist es einfach herrlich. Keine Gedanken darüber, was ich anziehen soll. Die Entscheidung ist höchstens: lange Hose oder kurze. Geht das T-Shirt von gestern noch oder muss doch das einzige Frische sein. Dann muss ich aber heute Abend auf jeden Fall waschen und hoffen, dass zumindest eines bis morgen trocken ist… Zu Beginn ist es etwas befremdlich, jeden Tag die gleichen Klamotten anzuhaben, doch dann wird es so normal, so normal, dass manche Pilger sogar in ihren Wanderklamotten schlafen.

 

Wieder zu Hause frage ich mich immer, wofür ich all die vielen Dinge und Klamotten brauche. Ich gehe wahnsinnig gern shoppen, doch hat mich das Pilgern gelehrt, mir in den Einkaufsstraßen die Häuser und die Menschen zu betrachten, denn alles, was ich unterwegs kaufen würde, muss ich tragen. Somit kaufe ich nur das, was ich wirklich und unbedingt haben möchte und was es wert ist, Gewicht auf meinem Rücken zu sein. Zusätzlich nehme ich die häufig fantastische Architektur wahr.

 

9. Achtsamkeit und wahrnehmen, was ist

 

Dieser Aspekt bezieht sich auf mein Inneres und das Äußere. Zum einen höre ich beim Pilgern auf meinen Körper. Habe ich Hunger, drückt etwas – Schuh oder Rucksack, ist mir warm oder kalt, brauche ich eine Pause oder geht es beschwingt voran. Diese besondere Selbstfürsorge vergesse ich im Alltag doch das ein oder andere Mal. Drückt am Morgen beim Pilgern der Schuh und liegen 30 km vor mir, dann ist es nicht ratsam, dies zu ignorieren. Behebe ich den Störfaktor sofort, kann ich einen wundervollen Tag haben. Denke ich: „Es geht schon…“, wird sich das schnell rächen.

 

Zum anderen schult das Beobachten der Landschaft, der anderen Menschen, das Riechen und das Hören meine Achtsamkeit enorm. Besonders viel Freude macht es mir, wenn mir Gerüche vertraut sind und ich sie zuordnen kann; wenn ich mich auf mein Gehör verlassen kann und nicht mehr schauen brauche, ob gerade ein Auto kommt und ich die Straße jetzt lieber nicht überqueren sollte. Diese beiden Sinneskanäle nutze ich im Alltag viel weniger, als beim Pilgern und auch das Spüren kommt immer wieder zu kurz.

 

10. Das Sein in der Natur macht mich glücklich

Ich liebe die Natur und bei keiner anderen Reiseform bin ich mehr in ihr und mit ihr verbunden. Welche positiven Aspekte die Natur für uns Menschen parat hat, habe ich hier zusammengefasst.

 

11. Eine Umfrage unter Pilgern hat noch folgende zwei Gründe fürs Pilgern gebracht

  • Nach dem Zurückkommen den Alltag gelassen nehmen
  • Die Seele kann mal wieder "Schritt" halten

Wann startest du deine Pilgerreise?

* Die Links zu den Büchern sind Affiliate Links. Was es damit auf sich hat, kannst du hier nachlesen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    AACS (Freitag, 16 Dezember 2016 15:11)

    Bom Caminho
    http://www.caminhoportuguesdacosta.pt/