Über meine Liebe zur Jakobsweg-Muschel

Wer auf dem Jakobsweg pilgert, erlebt eine Vielzahl an Begegnungen. Diese kann man an sich vorüber ziehen lassen oder in Beziehung treten.

Lies hier meine 5 Impulse zum Pilgerweg und was mich die Beziehungen gelehrt haben.

 

Dieser Beitrag entsteht auf Einladung von Frank Ohlsen zu seiner Blogparade Glückliche Beziehungen. Als ich den Titel las, dachte ich noch, was kann ich zum Thema Beziehung wohl beitragen? Doch dann dachte ich weiter, denn Beziehungen gehen wir nicht nur mit unserem Liebsten oder unserer Liebsten ein, sondern mit allem und jedem in unserer Umwelt.

 

Ich reflektiere mit diesem Beitrag die Beziehungen, die mir auf dem Jakobsweg begegnet sind.

 

1. Beziehung zur Natur

 

Viel näher kann ich der Natur nicht sein, als beim Pilgern oder Wandern. Ich wache morgens auf und gehe direkt nach draußen. Und erst kurz vorm Schlafen gehen, gehe ich wieder nach drinnen. Somit bin ich den ganzen Tag in der Natur und erlebe die verschiedenen Landschaften und das Wetter hautnah.

 

Es gibt diese Momente, wenn ich einfach nur dahin laufe und in meinen Gedanken versunken bin, doch bin ich aufmerksam, habe ich die Möglichkeit vielseitige Eindrücke mitzunehmen. Das sind Geräusche wie Vogelgezwitscher, Bachrauschen oder das Wehen der Blätter im Wind. Mit für die Natur geöffneten Augen entdecke ich verschiedene Blumen, Tiere und genieße die Sonnenstrahlen durch das zarte Grün der Bäume.

 

Auch Regen und Schnee darf ich schon beim Pilgern erleben. Auch das ist Natur! Was hilft es zu fluchen und zu schimpfen? Davon wird die Sonne auch nicht scheinen. Alles, was in meiner Macht steht, ist mich entsprechend zu kleiden und für mich zu sorgen.

 

Die Natur lehrt mich also aufmerksam zu sein für die kleinen Entdeckungen und zu nehmen, was ist, sofern ich es nicht ändern kann.

 

2. Beziehungen zu anderen Pilgern

 

In Deutschland treffe ich eher wenige Pilger, dafür in Portugal und Spanien umso mehr. Alle Pilger verbindet genau ein Ziel: Santiago de Compostela!

 

Jeder kommt aus einem anderen Grund auf den Weg und bringt seine Geschichte mit. Sind wir dann zusammen unterwegs, teilen wir uns ein Leben. Jedem sind auf einmal die gleichen Dinge wichtig: ein Bett, was zum Essen und Trinken, regelmäßig gewaschene Kleidung und die Highlight Dusche nach der Tagesetappe. Wir gehen einen lockeren Bund ein. Wer in Gesellschaft gehen und sein möchte, tut dies. Wer es nicht möchte, lässt es. Keiner ist dem anderen böse, im Gegenteil. Treffen wir uns später wieder, ist die Freude groß.

 

Auf meiner Tour durch Deutschland begegne ich genau einem anderen Pilger mit dem ich mir mehrere Nächte die Zimmer der privaten Unterkünfte teilte. In Herbergen hat man schon keine Privatsphäre, doch mit einem Fremden in einem Kinderzimmer, ist es noch einmal eine andere Hausnummer. Doch es stört sich keiner daran. Auch hier konnte jeder tun, was er wollte, ohne die Verpflichtung nun alles gemeinsam zu erleben.

 

Treffe ich Pilger nach der Tour, so ist da dennoch dieses Band, das uns Pilger verbindet. Wir tauschen uns aus, teilen Anekdoten und sind sofort im Herzen verbunden, so verschieden wir Menschen auch sein mögen.

 

3. Beziehungen zur durchpilgerten Gesellschaft

 

Pilgern heißt an Orte zu kommen, die ich sonst nie gesehen hätte. Dafür bin ich dem Weg jedes Mal wieder dankbar. Und ich treffe Menschen! Die einen wissen um den Weg vorbei an ihrer Haustür, die anderen nicht. Und auch hier kommt es zu Gesprächen mit den verschiedensten Typen.

 

Drei Highlights meiner letzten Tour:

 

Da war diese Joggerin, die mich unterwegs traf, mich zu sich nach Hause auf einen Kaffee einlud, meine Wasserreserven wieder füllte und mir noch Energieriegel für den weiteren Weg zusteckte. Solch eine herzliche Aufnahme ist mir ohne Rucksack und Muschel durch Fremde noch nie widerfahren.

 

Als ich einen Hof überquerte, traf ich einen alten Herrn, der seine Hühner fütterte. Ich warf ihm ein lockeres "Ist Abendessenszeit?" zu und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte mir, dass ich auf den letzten 4 Kilometern meiner Tagesetappe seinen alten Schulweg ginge. Diese Vorstellung verband uns sofort.

 

In einem Biergarten eines montagmittags wurde ich zum Gespräch aller Gäste. Jeder interessierte sich für meine Geschichte, wie weit ich denn mit meinem Rucksack schon gegangen wäre, wo ich hinwolle und so weiter. Der Wirt lies mich nicht einmal zahlen, wollte mich am liebsten fahren und stecke mir dann noch ein paar Süßigkeiten für den Weg zu.

 

Und nicht zu vergessen, all die netten Menschen, die in ihren Häusern private Pilgerunterkünfte bereitstellten. Auf diese Weise lernte ich die jeweiligen Orte auf eine ganz besonders einheimische Weise kennen.

 

Mit dem Rucksack auf dem Rücken und einem offenen Gemüt komme ich mit den Menschen am Weg ins Gespräch und baue sehr schnell Beziehungen zu ihnen auf.

 

4. Beziehung zu mir selbst

 

Beim Pilgern immer dabei und noch viel intensiver wahrzunehmen als sonst, bin natürlich ich selbst. So häufig bin ich mit mir selbst im Dialog über mein Befinden und meine Wünsche z.B. über die Streckenlänge oder die Verpflegung. Der Verstand sagt, nimm ausreichend Wasser mit, der Rücken protestiert. Der Verstand möchte weiter, doch die Füße können keinen Schritt mehr. Der Verstand hat kein Tagesziel und die Füße laufen ihm davon.

 

Daheim, in Gesellschaft oder beim Arbeiten höre ich schon des Öfteren nicht auf die Bedürfnisse meines Körpers. Andere oder anderes ist wichtiger. Doch beim Pilgern gibt es das Andere nicht, denn wenn der Körper nicht mehr kann, dann geht es auch nicht weiter.

 

Pilgern heißt Selbstfürsorge!

 

5. Beziehung zur Muschel

 

Ja die Jakobsweg-Muschel... Seit meiner Ankunft in Santiago trage ich sie jeden Tag als Kette um den Hals. Entdecke ich sie bei anderen Menschen, entsteht sofort das beschriebene Band unter Pilgern. Sehe ich sie am Weg, möchte ich ihr sofort folgen. Für mich ist es eine Liebesbeziehung geworden, denn im Zeichen der Muschel durfte ich schon so viele wunderbare Dinge erleben. Jedes Mal geht mir das Herz auf, wenn ich an einem neuen Ort eine Muschel entdecke und somit feststelle, wieder auf dem Weg zu sein.

 

Gerade jetzt, in der Zeit, wo ich meine Pilgerschaft unterbrochen habe, freue ich mich über jeden weiteren Schritt, den ich auf dem Jakobsweg gehen kann. Und dabei geht es für mich nicht um St. Jakob oder das Ankommen in Santiago, sondern um das tiefe Vertrauen mich verlassen zu können, in die richtige Richtung zu gehen und nie verlassen zu werden. Komme ich an ein Wegstück, wo sich die Muschel vor mir versteckt oder ich sie verpasse, werde ich sauer, fühle mich verlassen. Riesig ist dann die Freude, wenn ich sie wiederhabe und sie wieder für mich da ist.

 

Die Muschel hat mich gelehrt in meinen Weg zu vertrauen und die Zeichen zu sehen, die mir die nächste Station und die nächsten Schritte meines Lebens verraten und weisen.

 

Hat dir der Beitrag gefallen? Mit wem oder womit lebst du eine glückliche Beziehung? Berichte gern in den Kommentaren.

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Kommentare: 2
  • #1

    Frank (Freitag, 30 Juni 2017 22:12)

    Liebe Susi,
    Dein Beitrag hat mich sofort an meine Wanderungen un hier im Besonderen den Jacobsweg erinnert. Hier habe ich viele Freunde gefunden, zu denen mich bis heute eine besondere Freundschaft verbindet. Sehr gerne erzähle ich immer wieder von diesen Begegnungen. Im Letzten Jahr traf ich dann einen dieser Freunde in Berlin und wenn Gott es will, werde ich in Kürze einen Weiteren Freund wieder sehen. Hier habe ich ganz Besonders die Erfahrung gemacht, dass ich Menschen begegne, denen ich einfach nur einen guten Weg gewünscht habe und eben denen, mit denen ich regelmäßig chatte. Herzlichen Dank für deinen Beitrag zu meiner Blogparade.

  • #2

    Nicola Katharina Leffers (Sonntag, 09 Juli 2017 21:55)

    Liebe Susi, spontan muss ich doch ein paar Worte schreiben. Als ich 16 Jahre war, habe ich eine Pilgertour innerhalb Deutschlands unternommen. Wir waren eine Minigruppe, Das Motto hieß "Bibel im Rucksack", All das, was Du in Deinem Blogbeitrag beschrieben hast,.... ja, das kenne ich und es wird gerade wieder sehr präsent. Beziehungen, das macht unser Leben aus und ich erinnere mich an meine Pilgererfahrungen, denn dann wird das Thema "sichtbar" und ich erkenne die herausragende Bedeutung für mich, mein Leben, für das Leben schlechthin. Das Bewusstsein dafür schafft noch mal wieder andersartig tiefere Einblicke in die Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Das Göttliche wird dadurch sichtbar, fühlbar, erkennbar. Das Wunder. Auch der Gemeinschaft (ich erfuhr das besonders in Taizé. Für mich ist dort der Gesang, der Klang so besonders fühlbar und darin liegt das Göttliche, das Urwesen der Beziehung und Beziehungen.... In Verbundenheit, mit Dir, mit Dir, mit uns, mit allem, was ist.

    Von Herzen Nicola Katharina Leffers