Eine Pilgerreise direkt ins Herz

5 Tage und 120 km

 

Erfahre, wie es mir auf dem Camino Finisterre gegangen ist, was ich erlebt habe und wie er mich mitten ins Herz getroffen hat.

Dieser Bericht von meinem Camino Finisterre ist kein klassischer Reiseblog, sondern viel mehr meine Reise, ganz tief in mein Inneres.

 

Daher beginne ich auch von hinten:

 

Wer in Finisterre ankommt, erreicht zuerst den Ortskern, sucht sich ein Plätzchen zum Schlafen, wäscht - sich und seine Kleidung - und geht in den Abendstunden noch einmal 3,5 km zum wirklichen vermeintlichen Ende der Welt – dem Leuchtturm am Kap.

 

Dort sitzen die Pilger dann, schauen gemeinsam den Sonnenuntergang und feiern den letzten Monolith des Weges, nämlich den mit den 0,00 km. Diese Momente sind so viel magischer als die Ankunft in Santiago unter all den Menschen, mitten in der Stadt an der Kathedrale.

 

Jeder Schritt den man nach dem Sonnenuntergang in Richtung Herberge zurück geht, ist ein Schritt in Richtung Heimat. Und genau da wurde es mir bewusst. Scherzhaft schrieb mein Papa, ich solle nun nach Hause laufen, doch dieser Spaß löste in mir die Frage aus, wo denn zu Hause für mich sei. Mein Freund hatte am Telefon genau die richtige Antwort: Zu Hause ist, wo mein Herz ist!

 

Und so fühlte sich jeder weitere Schritt an, wie ein Schritt ganz tief in mein Herz. Und wie die letzten Schritte, so war auch der komplette Camino eine Reise direkt in mein Herz, zu mir selbst nach Hause.

 

Begonnen hat meine Reise mit einer Busfahrt von Porto nach Santiago. Die Ankunft in Santiago war ähnlich ernüchternd und beklemmend, wie schon vor 2,5 Jahren nachdem ich den Caminho Portugues gegangen war. Ich saß auf dem Platz vor der Kathedrale, beobachtete das Ankommen der anderen Pilger mit Tränen der Wiedersehensfreude und Erleichterung. Ich macht Fotos für sie und fühlte mich doch so einsam wie selten. In diesem Moment gehörte ich nicht dazu.

 

In meiner Herberge angekommen unterhielt ich mich mit einigen Pilgern und fasste langsam wieder Fuß in der Gemeinschaft. Außerdem musste ich mich an die Sprachumstellung gewöhnen. Viel Portugiesisch kann ich nicht, doch rutschte es mir immer wieder heraus.

 

Nach einer recht unruhigen Nacht brach ich Sonntagmorgen noch in der Dunkelheit auf. Ich konnte es einfach nicht abwarten bis 08:30 Uhr endlich Tag wurde. So verpasste ich leider den sicherlich schönen Blick auf Santiago, doch ich war endlich wieder unterwegs – ich war wieder Pilger.

 

Unterwegs traf ich schon den ein oder anderen und als sich nach 10 km endlich ein Café auf dem Weg zeigte, setzte ich mich zu einem anderen Pilger. Es war so selbstverständlich in diesem großen leeren Café, das gerade erst öffnete. Nie würde ich das daheim machen, doch unter Pilgern wäre es sträflich gewesen es nicht zu tun. Wir gönnten uns den 1. Kaffee des Tages und tauschten uns aus.

 

Nicht lange dauerte es bis sich das Café mit weiteren Pilgern füllte. Bis hierhin war ich übrigens im Nieselregen gelaufen. Es war zwar warm, doch durch den dichten Nebel war auch nach Tagesanbruch nicht viel zu sehen. Jedoch stellte ich fest, dass meiner Stimmung dieses Wetter keinen Abbruch tat. Ich war wieder in meinem Element, trotz Wetter.

 

Schon in den nächsten Stunden klarte es langsam auf und am Nachmittag hatte ich meine Wetterprobe bestanden. Von nun an sollte der komplette Weg in Sonnenschein liegen.

 

Die erste Herberge erreichte ich nach 35 km in Vilaserio. Ein sehr altes Steinhaus mit großem Kamin, langem Tisch, ein paar Doppelstockbetten und das Highlight:

 

ein Garten mit vielen Sitzmöglichkeiten.

 

So ließ ich den Tag mit etwas Arbeit, netten Gesprächen und meinem 1. Pilgermenü (Kürbissuppe, Tortilla, Apfelmuskompott) ausklingen.

 

Am nächsten Morgen startete ich erst nach Sonnenaufgang. Die Landschaft ist einfach zu schön um sie im Finsteren nicht zu sehen.

Es ging über Straßen, Feldwege, durch Eukalyptuswälder immer weiter Richtung Westen.

 

Lange kündigte sich eine Panaderia an und als sie endlich kam, ging ich ins Café nebenan 😉 Dort gab es Tarta de Santiago und natürlich einen Milchkaffee und dann noch einen zweiten.

 

Unterwegs hatte ich mich gefragt, wieso ich beim Pilgern so süchtig nach Milchkaffee bin. Dieses sanfte warme Getränk ist für mich wie eine Umarmung von innen. Ich genieße jeden Schluck, schaue dabei in die Landschaft und bin ganz im Hier und Jetzt. Und gerade beim Pilgern, wo ich so viel Zeit nur mit mir verbringe, ist diese "Liebkosung" wie eine Belohnung für die vielen Schritte.

 

Nach dem Café ging ich doch noch in die Bäckerei, die ich erst für geschlossen hielt, und wollte mir ein Stück Hefezopf für den Weg kaufen. Offensichtlich war die Größe des Stückes, das ich wollte, lächerlich für die Verkäuferin, sodass sie es mir schenkte.

 

Nun ging es mit dem Weg bergauf. Auch wenn es hauptsächlich Asphaltweg war, so belohnte die Aussicht. Außerdem gab es den ein oder anderen Feigenbaum unterwegs, der saftige frische Früchte trug. Da konnte ich einfach nicht vorbeigehen.

 

Die Landschaft wurde mit den, wenn auch vergleichsweise wenigen Höhenmetern, immer rauer und erinnerte an alpines Gebiet. Ich traf zwei deutsche Pilger und wir gingen ein Stück gemeinsam. Die Landschaft bot uns einen Ausblick auf ein bewaldetes Flusstal und die Sonne verwöhnte uns mit ihren Strahlen. Ok, es war inzwischen ganz schön heiß, sodass ich mein kleines Handtuch, welches eigentlich zum Trocknen außen an meinem Rucksack hing, zweckentfremdete.

 

Angekommen an der Herberge, wo ich eigentlich bleiben wollte, schreckte mich Baulärm ab, sodass ich noch ein paar Kilometer weiterging. Angekommen in Hospital – so heißt der Ort – erfuhr ich, dass die Herberge ausgebucht sei. Noch nie hatte ich ein Bett reserviert oder vor einer solchen Situation gestanden. Lange hielt dieser Zustand jedoch nicht an, denn just in diesem Moment stornierte eine andere Pilgerin ihre Reservierung telefonisch. So hatte ich einmal wieder Glück auf dem Camino und durfte nach 27 km auch ich in Hospital bleiben. So genoss ich den Nachmittag im Garten der Herberge sowie an der Bar, wo es WLAN gab.

 

Mit einem weiteren gemeinsamen Pilgermenü und gutem spanischen Rotwein ging der Tag zu Ende.

 

Am nächsten Morgen stand die Entscheidung an:

 

Gehe ich direkt nach Finisterre oder erst nach Muxía?

 

Ich entschied mich für Muxía, da ich in Finisterre meine Tour enden wollte. Die Entscheidung war die komplett Richtige. Die Etappe nach Muxía war ein Traum. Landschaftlich verwöhnte sie mich mit allem, was mir wichtig ist:

  • Eukalyptuswälder
  • Pinienwälder
  • Waldwege und natürlich
  • Sonnenschein.

Als dann der Blick zum ersten Mal das Meer freigab, freute ich mich wie ein kleines Kind. Egal ob Rucksack auf dem Rücken oder nicht, der ein oder andere Glockensprung musste sein – so leicht und beschwingt war ich an diesem dritten Tag unterwegs.

 

Auch die letzten der 27 Kilometer auf der Straße konnten meine Stimmung nicht trüben und als ich dann vor dem 2,103 km Monolith direkt am Strand stand, setzte ich mich und genoss den Moment einfach.

 

Die kommende Nacht verbrachte ich zum ersten Mal auf dieser Tour in einer staatlichen Herberge, die jedoch super sauber und modern war.

 

Lange hielt es mich nach dem Waschen nicht in der Herberge, sondern es zog mich an die berühmte Kirche Virxe da Barca. An dieser Stelle soll einst Jakobus die heilige Jungfrau Maria in einem seegängigen Steinschiff erschienen sein und ihm Mut zu gesprochen haben. Ob dies so war oder nicht, ist mir vollkommen egal, doch die Kirche direkt am Meer ist ein magischer Ort. Nach einer Weile des Verweilens machte ich mich auf die Suche nach dem 0,00 km Stein. Der letzte, den ich gesehen hatte, zeigte 1,08 km. Doch ich fand ihn nicht, im Gegenteil. Der nächste Stein zeigte wieder 31,329 km, nämlich die Entfernung nach Finisterre.

 

Ich kletterte auf den Aussichtspunkt und genoss den Blick auf das kleine Örtchen Muxía. Wieder unten angekommen holte ich mir meine Urkunde – die Muxiana.

 

Nach einem Abendessen mit Pulpo direkt am Meer genoss ich arbeitend den Sonnenuntergang auf der Dachterrasse der Herberge.

 

Am nächsten Morgen brach ich tatsächlich als Letzte aus der Herberge auf, denn ich hatte noch etwas gearbeitet und wieder auf Tageslicht gewartet.

 

Der Weg ging entlang der Hauptstraße und schließlich sehr steil bergauf. Ich realisierte, wie gut es mir dabei ging. Seit einiger Zeit soll ich Tabletten nehmen gegen meine Schilddrüsenunterfunktion. Da es mir widerstrebt für den Rest meines Lebens diese Tabletten zu nehmen, hatte ich kurz vor der Reise die Dosierung eigenmächtig gesenkt. Gefühlt machte es sich bemerkbar. Ich hatte dieses unruhige Gefühl und den stark pochenden Herzschlag wieder, welcher mich damals zur Ärztin getrieben hatte. Hätte ich die Dosierung wieder erhöhen sollen, fragte ich mich? Ganz besonders merkte ich die Symptome bei starker Anstrengung am Morgen oder bei stressigen Arbeitssituationen.

 

Nun an diesem Morgen beim Aufstieg auf den Berg wurde mir bewusst, dass das Gefühl nicht mehr da war. Sollte es also tatsächlich etwas mit dem Stress zu tun haben, den ich mir trotz meiner Selbstständigkeit ab und an selbst machte? Vermutlich ist dies so.

 

An diesem Morgen fasste ich den Entschluss besser auf mich zu achten und verfestigte den Beweis, dass es meiner Schilddrüse auch ohne Medikamente gut gehen kann, wenn ich die Umstände meines Lebens im Auge behalte. Eine sehr wichtige Erkenntnis für mich. Ob diese medizinisch richtig ist, kann ich nicht sagen, doch mein Gefühl sagt mir, dass ich so auf dem richtigen Weg bin.

 

Als die Füße schwer wurden, ich bis zur Mittagszeit noch kein Frühstück bekommen hatte und der Weg nicht mehr so beschwingt leicht ging, hörte ich auf mein Gefühl und blieb bereits nach 15 km in der Herberge in Lires.

 

Unterwegs traf ich einige bekannte Pilger, die den Weg zuerst nach Finisterre genommen hatten und nun nach Muxía liefen. Es war ungewohnt ständig Menschen entgegen zu kommen, doch so bekam ich unzählige Male einen buen camino gewünscht.

 

Den Nachmittag genoss ich in einer großen Schaukel und auf dem Sofa des Cafés neben der Herberge. Keinen Schritt ging ich mehr. Dafür arbeitete ich ein paar Stunden gemütlich auf der Terrasse.

Der letzte Pilgertag begann für mich früh, jedoch wieder mit Arbeit und natürlich mit einem Milchkaffee. Gegen 10 Uhr machte ich mich auf den Weg zu den letzten 15 km.

 

Die Etappe war wieder schön. Es ging an der Küste entlang, bergauf und bergab und schneller als erwartet erblickte ich Finisterre von oben. Einfach meiner Intuition folgend suchte ich eine Herberge aus und ließ endlich all meine Klamotten waschen.

 

Da ich nun nichts mehr Stadt taugliches zum Anziehen zur Verfügung hatte, nutze ich die Zeit zum Arbeiten. Als ich es nicht mehr erwarten konnte, fischte ich meine Hose aus dem Trockner und machte mich auf den Weg. Schließlich wollte ich den Ort sehen und meine Urkunde zum Erreichen des Endes des Jakobsweges holen. 

 

 

Nach einer kurzen Pause und der Versorgung mit einem Picknick pilgerte ich im Sturmschritt weiter zum Kap de Finisterre. Ich konnte es einfach nicht mehr abwarten. Dort angekommen nahm ich mir Zeit für mich und den Schlussstein. Ich fuhr die 0,00 km mit den Fingern nach und spürte die Magie, die für mich von diesem Stein ausging. Natürlich musste ein Fotoshooting sein.

 

Wie es mir nach dem Sonnenuntergang erging, konntest du bereits zu Beginn dieses Beitrags lesen. Ich bin nicht nur am Ende der Welt angekommen, sondern auch wieder bei mir. Ich bin wieder 100 % und jede Gesellschaft bereichert diese nun. Das hat den großen Vorteil, dass wenn ich mit mir allein bin, ich dennoch komplett bin.

 

Ich bin dem Weg unendlich dankbar für dieses Geschenk, zusätzlich zu all den wundervollen Eindrücken!

Hat dir der Beitrag gefallen und hast du bereits ähnliche Erlebnisse auf einem Pilgerweg gemacht? Berichte gern in den Kommentaren.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0